

Dieser Beitrag spiegelt meine persönlichen Erfahrungen und meine Meinung wider. Ich bin keine Psychiaterin oder Psychologin, nur Betroffene. Wenn du etwas Konstruktives dazu sagen möchtest, schreib mir gerne eine E-Mail an an@heike-siegmund.de oder hinterlasse einen Kommentar. Freundliche und konstruktive Kommentare sind immer willkommen.
„Warum reagiere ich immer so empfindlich?"
„Warum trifft mich Kritik so sehr?"
„Warum bin ich innerhalb von Sekunden von glücklich zu völlig überfordert?"
„Warum fühlt sich alles so intensiv an?"
Viele Menschen mit ADHS stellen sich diese Fragen jahrelang. Manche halten sich für zu sensibel. Andere für schwierig. Wieder andere glauben, sie müssten einfach lernen, sich besser zusammenzureißen.
Doch viele dieser Erfahrungen könnten mit etwas zusammenhängen, das lange Zeit wenig Beachtung gefunden hat: emotionale Dysregulation.
Für viele Betroffene gehört sie zu den belastendsten Auswirkungen von ADHS. Und trotzdem wird sie oft erst spät erkannt.
Emotionale Dysregulation beschreibt Schwierigkeiten, Gefühle zu steuern, zu verarbeiten oder ihre Intensität zu regulieren.
Das bedeutet nicht, dass Menschen mit ADHS keine Kontrolle über ihre Gefühle haben. Es bedeutet vielmehr, dass Gefühle oft schneller entstehen, intensiver erlebt werden, länger nachwirken können und schwerer zu beruhigen sind.
Viele Betroffene beschreiben es so: Sie fühlen nicht unbedingt andere Gefühle als andere Menschen. Sie fühlen sie oft nur deutlich stärker.
Bei vielen Menschen entsteht zwischen Gefühl und Reaktion ein kleiner Abstand – eine Art innerer Moment zum Nachdenken.
Bei ADHS scheint dieser Abstand manchmal kleiner zu sein. Das bedeutet: Etwas passiert. Das Gefühl ist sofort da. Und zwar in voller Lautstärke. Erst danach beginnt das Gehirn, die Situation einzuordnen.
Deshalb berichten viele Betroffene von Reaktionen wie spontanen Tränen, plötzlicher Wut, starker Kränkung, übermäßiger Begeisterung, intensiver Freude oder tiefer Enttäuschung.
Wenn über emotionale Dysregulation gesprochen wird, denken viele zuerst an Wut oder Frustration. Doch das Thema betrifft alle Gefühle. Auch positive.
Viele Menschen mit ADHS erleben Begeisterung besonders intensiv, tiefe Verbundenheit, große Leidenschaft, starke Empathie und kreativen Enthusiasmus.
Die hohe emotionale Intensität kann also sowohl belastend als auch bereichernd sein.
Die Forschung geht davon aus, dass bei ADHS mehrere Hirnregionen beteiligt sind, die für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Emotionsregulation wichtig sind. Dazu gehören unter anderem der präfrontale Cortex, das limbische System und verschiedene Botenstoffsysteme wie Dopamin und Noradrenalin.
Vereinfacht gesagt könnte das Gehirn Schwierigkeiten haben, emotionale Reize ausreichend zu filtern oder zu regulieren. Das bedeutet nicht, dass Gefühle falsch sind. Sie kommen lediglich oft schneller und stärker an.
Die genauen Zusammenhänge werden weiterhin erforscht.
Besonders Frauen berichten häufig von einem schmerzhaften Muster. Schon als Mädchen hören sie: Sei nicht so sensibel. Stell dich nicht so an. Das war doch nicht böse gemeint. Du übertreibst.
Irgendwann entsteht daraus oft ein belastender Gedanke: Mit mir stimmt etwas nicht.
Viele lernen deshalb früh, ihre Gefühle zu verstecken. Sie lächeln, obwohl sie verletzt sind. Sie entschuldigen sich für ihre Tränen. Sie versuchen, ihre Reaktionen zu kontrollieren.
Das Problem: Gefühle verschwinden dadurch nicht. Sie werden häufig nur nach innen verlagert – ähnlich wie es auch beim Masking der Fall ist.
Ein Thema taucht in Gesprächen mit ADHS-Betroffenen besonders häufig auf: Kritik.
Selbst kleine Hinweise können sich manchmal anfühlen wie ein persönlicher Angriff. Nicht, weil die Kritik objektiv so schlimm wäre. Sondern weil die emotionale Reaktion außergewöhnlich stark ausfällt.
Viele beschreiben Scham, Schuldgefühle, Grübeln, Selbstzweifel und tagelanges Nachdenken über eine Situation.
Manche Fachleute diskutieren in diesem Zusammenhang das Konzept der sogenannten Rejection Sensitive Dysphoria (RSD), also einer besonders starken emotionalen Reaktion auf tatsächliche oder vermutete Zurückweisung.
RSD ist jedoch keine offizielle Diagnose. Viele Betroffene erkennen sich trotzdem in den beschriebenen Erfahrungen wieder.
Ein weiteres typisches Merkmal: Gefühle können schnell wechseln.
Ein schöner Tag. Eine kritische Nachricht. Ein Missverständnis. Eine unerwartete Rechnung. Und plötzlich kippt die Stimmung.
Das bedeutet nicht automatisch, dass die Gefühle oberflächlich sind. Im Gegenteil: Oft werden sie so intensiv erlebt, dass sie den gesamten Fokus übernehmen.
Viele Menschen mit ADHS berichten, dass sie Konflikte schwer loslassen können. Ein Gespräch vom Morgen beschäftigt sie noch am Abend. Ein Streit von letzter Woche fühlt sich immer noch präsent an. Ein unfreundlicher Kommentar wird immer wieder durchdacht.
Dieses Grübeln kann enorm viel Energie kosten.
Emotionale Dysregulation bedeutet nicht nur intensive Gefühle. Sie bedeutet oft auch intensive Erholung danach.
Viele Betroffene kennen emotionale Erschöpfung, Rückzug nach Konflikten, mentale Überlastung, das Bedürfnis, allein zu sein, und Schwierigkeiten abzuschalten.
Von außen wirkt das manchmal übertrieben. Für die betroffene Person ist es jedoch oft eine echte Belastung.
Viele Frauen erleben nach ihrer ADHS-Diagnose einen überraschenden Moment. Sie erkennen, dass ihre Gefühle nie das Problem waren. Das Problem war oft, dass sie ihre Gefühle nicht verstanden haben.
Plötzlich ergeben viele Erfahrungen Sinn: die Tränen, die Empfindlichkeit, die Überforderung, die starke Begeisterung, die intensiven Reaktionen.
Das bedeutet nicht, dass alles leichter wird. Aber es kann helfen, sich selbst mit mehr Verständnis zu begegnen.
Es gibt keine Strategie, die für alle Menschen funktioniert. Viele Betroffene berichten jedoch, dass bestimmte Dinge hilfreich sein können.
Gefühle benennen
Studien aus der Emotionsforschung zeigen, dass allein das Benennen eines Gefühls helfen kann. Nicht „Mir geht es schlecht", sondern: Ich bin enttäuscht. Ich bin verletzt. Ich bin frustriert. Ich bin überfordert. Je genauer das Gefühl benannt wird, desto leichter lässt es sich oft einordnen.
Den Auslöser suchen
Manchmal wirkt ein Gefühl plötzlich. Oft gibt es jedoch einen Auslöser. Fragen können helfen: Was ist gerade passiert? Was hat mich getroffen? Woran erinnert mich das?
Pausen zwischen Gefühl und Handlung
Viele Konflikte entstehen nicht durch Gefühle, sondern durch spontane Reaktionen. Deshalb kann es hilfreich sein, sich bewusst Zeit zu verschaffen. Eine Antwort muss nicht sofort geschrieben werden. Ein Gespräch muss nicht sofort geführt werden.
Körperliche Bedürfnisse ernst nehmen
Emotionen werden oft stärker, wenn zusätzlich Schlafmangel, Hunger, Stress, Überforderung oder Reizüberflutung dazukommen. Manchmal ist das Nervensystem schlicht erschöpft.
Unterstützung annehmen
Je nach Situation können Psychotherapie, ADHS-Coaching, Selbsthilfegruppen, Austausch mit anderen Betroffenen oder medizinische Beratung hilfreich sein. Niemand muss alles allein herausfinden.
Viele Menschen mit ADHS verbringen Jahre damit, ihre Sensibilität als Schwäche zu betrachten. Vielleicht lohnt sich manchmal eine andere Perspektive.
Denn dieselbe Fähigkeit, die Kritik intensiv spüren lässt, ermöglicht oft auch Mitgefühl, Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, tiefe Beziehungen und starke Intuition.
Die Herausforderung besteht häufig nicht darin, weniger zu fühlen. Sondern besser mit der Intensität umgehen zu lernen.
Emotionale Dysregulation gehört für viele Menschen mit ADHS zum Alltag, auch wenn darüber deutlich seltener gesprochen wird als über Konzentrationsprobleme oder Vergesslichkeit.
Gefühle können schneller, intensiver und länger erlebt werden. Das kann zu Missverständnissen, Selbstzweifeln und Erschöpfung führen.
Gleichzeitig sind viele der Eigenschaften, die daraus entstehen, auch mit großer Empathie, Leidenschaft und Kreativität verbunden.
Wer seine emotionalen Reaktionen besser versteht, gewinnt oft etwas sehr Wertvolles zurück: Mitgefühl für sich selbst.
Und manchmal ist genau das der erste Schritt zu einem entspannteren Umgang mit den eigenen Gefühlen.
Bis denndann

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