

Dieser Beitrag spiegelt meine persönlichen Erfahrungen und meine Meinung wider. Ich bin keine Psychiaterin oder Psychologin, nur Betroffene. Wenn du etwas Konstruktives dazu sagen möchtest, schreib mir gerne eine E-Mail an an@heike-siegmund.de oder hinterlasse einen Kommentar. Freundliche und konstruktive Kommentare sind immer willkommen.
Viele Frauen erhalten ihre ADHS-Diagnose erst im Erwachsenenalter. Manche sind 30, 40 oder 50 Jahre alt, einige sogar noch älter. Oft haben sie bereits ein halbes Leben hinter sich, bevor sie erfahren, dass ADHS ein wichtiger Teil ihrer Geschichte sein könnte.
Doch warum wird ADHS bei Frauen so häufig erst spät erkannt?
Die Antwort ist nicht ganz einfach. Es gibt mehrere Gründe, die zusammenkommen. Einer davon ist, dass ADHS bei Frauen oft anders aussieht, als viele Menschen es erwarten.
Wenn viele Menschen an ADHS denken, haben sie sofort ein bestimmtes Bild im Kopf: Ein Kind, das ständig herumzappelt, laut ist, andere unterbricht und im Unterricht nicht stillsitzen kann.
Dieses Bild gibt es tatsächlich. Aber es zeigt nur einen Teil der Wirklichkeit.
Lange Zeit wurde ADHS vor allem an Jungen erforscht. Deshalb orientierten sich viele Beschreibungen und Diagnosekriterien an den typischen Verhaltensweisen, die bei Jungen häufiger beobachtet wurden.
Frauen und Mädchen passen oft einfach nicht in dieses bekannte Bild.
Manche Mädchen mit ADHS sind nicht besonders laut oder auffällig. Stattdessen wirken sie vielleicht:
Von außen sieht das oft nicht nach ADHS aus.
Manchmal werden diese Eigenschaften als Persönlichkeit wahrgenommen. Oder sie werden mit Stress, Unsicherheit oder mangelnder Konzentration erklärt. Das kann dazu führen, dass ADHS gar nicht erst in Betracht gezogen wird.
Viele Frauen berichten nach ihrer Diagnose, dass sie schon als Kinder versucht haben, ihre Schwierigkeiten zu verstecken.
Sie schreiben unzählige Listen. Sie kontrollieren alles mehrfach. Sie bemühen sich besonders stark, keine Fehler zu machen. Sie beobachten andere Menschen und versuchen herauszufinden, wie diese ihren Alltag organisieren.
Dieses bewusste oder unbewusste Anpassen wird oft als Masking bezeichnet.
Nach außen wirkt vieles organisiert. Innerlich kostet es jedoch häufig sehr viel Energie. Weil die Schwierigkeiten nicht sichtbar sind, erkennen weder das Umfeld noch die Betroffenen selbst, wie belastend der Alltag tatsächlich sein kann.
Ein weiterer Grund für späte Diagnosen ist ein weit verbreitetes Missverständnis: Wer gute Noten hatte oder beruflich erfolgreich ist, kann kein ADHS haben.
Doch ADHS hat nichts mit Intelligenz zu tun.
Viele Frauen entwickeln Strategien, die ihnen helfen, Anforderungen zu bewältigen. Manche investieren deutlich mehr Zeit und Kraft als andere, um ähnliche Ergebnisse zu erreichen.
Von außen sieht man oft nur das Ergebnis. Nicht sichtbar sind die Erschöpfung, die Selbstzweifel oder die vielen Stunden, die hinter einer scheinbar einfachen Aufgabe stecken.
Viele Frauen suchen zunächst Hilfe wegen ganz anderer Beschwerden, zum Beispiel wegen:
Diese Schwierigkeiten können unabhängig von ADHS auftreten. Sie können aber auch damit zusammenhängen oder durch die dauerhafte Überforderung im Alltag verstärkt werden.
Wenn nur die sichtbaren Symptome behandelt werden, bleibt die eigentliche Ursache manchmal lange unerkannt.
Nicht selten wird ADHS erst dann sichtbar, wenn bisherige Bewältigungsstrategien nicht mehr ausreichen. Das kann beispielsweise passieren:
Plötzlich funktioniert das, was jahrelang irgendwie geklappt hat, nicht mehr wie gewohnt. Viele Frauen beginnen dann, nach Antworten zu suchen.
Für manche Frauen ist die Diagnose eine große Erleichterung. Plötzlich ergeben bestimmte Erfahrungen Sinn.
Warum Termine vergessen wurden. Warum Ordnung schwerfällt. Warum Aufgaben oft erst unter Zeitdruck erledigt werden. Warum das Gedankenkarussell nie stillsteht.
Gleichzeitig löst eine Diagnose nicht automatisch alle Probleme. Manche Frauen empfinden zunächst Trauer, Wut oder Unsicherheit. Andere spüren vor allem Erleichterung. Beides ist verständlich – jeder Mensch erlebt diesen Prozess anders. Es gibt hier kein Richtig oder Falsch.
Vielleicht hast du dich in einigen Punkten wiedererkannt. Das bedeutet nicht automatisch, dass du ADHS hast – viele der genannten Erfahrungen können auch andere Ursachen haben.
Trotzdem kann es hilfreich sein, genauer hinzuschauen, wenn du das Gefühl hast, dass dich diese Themen schon lange begleiten. Ein erster Schritt kann sein:
Eine Diagnose kann letztlich nur von entsprechend qualifizierten Fachpersonen gestellt werden.
ADHS bei Frauen wird häufig spät erkannt, weil die Symptome oft weniger auffällig sind als viele Menschen erwarten. Hinzu kommen gesellschaftliche Erwartungen, erlernte Kompensationsstrategien und das lange Zeit männlich geprägte Bild von ADHS.
Deshalb erhalten viele Frauen ihre Diagnose erst im Erwachsenenalter. Für manche ist diese Erkenntnis zunächst überraschend. Für andere fühlt sie sich an wie das fehlende Puzzleteil, nach dem sie schon lange gesucht haben.
Und manchmal beginnt genau dort ein neues Verständnis für die eigene Geschichte.
Bis denndann

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