Was ist ADHS eigentlich wirklich? Ein Blick hinter die Definitionen

Was ist ADHS eigentlich wirklich? Ein Blick hinter die Definitionen

Heike Siegmund
von Heike Siegmund

Dieser Beitrag spiegelt meine persönlichen Erfahrungen und meine Meinung wider. Ich bin keine Psychiaterin oder Psychologin, nur Betroffene. Wenn du etwas Konstruktives dazu sagen möchtest, schreib mir gerne eine E-Mail an an@heike-siegmund.de oder hinterlasse einen Kommentar. Freundliche und konstruktive Kommentare sind immer willkommen.

Als ich meine Diagnose bekommen habe, wollte ich als Erstes wissen: Was ist das eigentlich genau, dieses ADHS? Ich habe gegoogelt, gelesen, wieder gegoogelt – und bin auf erstaunlich viele unterschiedliche Antworten gestoßen. Das hat mich zuerst verwirrt und dann ziemlich nachdenklich gemacht.

Wenn selbst Fachleute sich nicht einig sind

Es gibt tatsächlich immer noch unterschiedliche Auffassungen bei manchen Ärzten und Ärztinnen – ja, wirklich. Manche vertreten Ansichten wie: ADHS sei eine Erziehungsfrage. Oder: Nur Jungs hätten ADHS. Oder: Es gäbe nur den klassischen "Zappelphilipp". Oder: ADHS verwächst sich – man hätte es nur als Kind, und nach der Pubertät sei es einfach weg.

Das ist nicht nur fachlich überholt, es ist auch gefährlich. Denn wenn Menschen, die keine Ärzte sind, solche Aussagen für bare Münze nehmen, bilden sie sich eine Meinung auf Basis falscher Informationen. Und am Ende werden Menschen mit ADHS nicht ernst genommen – obwohl sie es so dringend verdienen.

Deshalb vorab eine klare Ansage: Nichts von dem oben Genannten trifft zu. ADHS ist keine Erziehungsfrage, kein reines Jungs-Thema und verschwindet nicht einfach mit der Pubertät.

Was sagen die offiziellen Quellen?

Schauen wir uns an, wie verschiedene Institutionen ADHS definieren:

Zur Einordnung: Psychisch ist quasi der Überbegriff. Psychiatrische Erkrankungen sind eine Untergruppe davon und meist deutlich schwerwiegender – etwa Psychosen oder Schizophrenie. Nach dieser Logik würde ich ADHS nicht in die Kategorie "psychiatrische Erkrankung" einordnen. Aber das ist meine Einschätzung als Betroffene, keine fachliche Aussage.

Weiter geht's:

  • kinderaerzte-im-netz.de nennt ADHS eine ernst zu nehmende, folgenschwere Erkrankung.
  • Die AOK beschreibt es als eine der häufigsten psychischen Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter.

Ganz ehrlich? Für mich persönlich ist ADHS keine rein psychische Erkrankung. Dazu gleich mehr.

Die Definitionen, die für mich am meisten Sinn ergeben

Jetzt kommen die Aussagen, die für mich am stimmigsten sind – und die vermutlich auch dem aktuellsten Forschungsstand entsprechen:

  • Wikipedia beschreibt ADHS als Störung der neuronalen Entwicklung.
  • adhs-deutschland.de spricht von einer Regulationsstörung im Frontalhirn auf genetischer Grundlage.
  • msdmanuals.com nennt es eine Störung der Hirnfunktion, die angeboren ist oder sich kurz nach der Geburt entwickelt.

Du siehst: ADHS ist komplex und noch lange nicht vollständig erforscht. Es gibt nicht die eine, allgemeingültige Definition – das macht es nicht einfacher, aber es erklärt, warum du im Internet so unterschiedliche Aussagen findest.

Was im Gehirn wirklich passiert

Fakt ist: Bei uns ADHSlern liegt eine Störung der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn vor. Erstmal also nichts Psychisches, sondern etwas ganz Biologisches.

Wenn diese beiden Botenstoffe mit Abwesenheit glänzen, kann das zu erheblichen Beeinträchtigungen führen – psychisch wie körperlich. Sie sind nämlich zuständig für Antrieb, Motivation, Aufmerksamkeit und Stressreaktionen.

Und welche Symptome können daraus entstehen? Unter anderem:

  • Konzentrationsprobleme
  • Antriebslosigkeit
  • Chronische Unlust
  • Vergesslichkeit
  • Gedankenkreisen (Denkschleifen)
  • Schlafstörungen
  • Ängste
  • Müdigkeit und Erschöpfung
  • Bewegungsunruhe

Das ist vermutlich noch nicht mal die vollständige Liste.

Die drei Gesichter von ADHS

Was in vielen Erklärungen zu kurz kommt: ADHS zeigt sich nicht bei allen gleich. Fachleute unterscheiden meist drei Erscheinungsformen:

  • Vorwiegend unaufmerksam – häufiger bei Frauen, oft unauffälliger nach außen. Tagträumereien, Vergesslichkeit, leichte Ablenkbarkeit. Kein Zappeln, dafür viel im Kopf.
  • Vorwiegend hyperaktiv-impulsiv – das klassische Bild vom "Zappelphilipp". Innere und äußere Unruhe, impulsives Handeln.
  • Kombinierter Typ – eine Mischung aus beidem.

Das ist vermutlich auch ein Grund, warum so viele Frauen erst spät diagnostiziert werden: Der unaufmerksame Typ fällt im Klassenzimmer oder im Job einfach weniger auf. Man gilt eher als "verträumt" oder "chaotisch" – nicht als auffällig.

Wenn noch eine Diagnose dazukommt

Bei der Menge an möglichen Symptomen wundert es mich nicht, dass viele Menschen mit ADHS zusätzlich eine weitere Diagnose erhalten. Bei mir ist es die Depression.

Wichtig dabei: Es gibt einen Unterschied zur Depression bei einem neurotypischen Menschen. Bei diesem hilft in der Regel die übliche Depressionsbehandlung. Ein Mensch mit ADHS braucht oft zusätzliche oder andere Unterstützung – denn häufig ist die Depression eine Folge des unbehandelten ADHS, nicht eine eigenständige Erkrankung.

Ähnlich sieht es bei Angststörungen aus: Eine reine Angsttherapie hilft oft nur bedingt, wenn das zugrunde liegende ADHS nicht mitbehandelt wird. Ich vermute, das gilt für die meisten Begleitdiagnosen.

Und was ist mit den Stärken?

Bei aller Symptomliste möchte ich eines nicht unter den Tisch fallen lassen: ADHS bringt auch Eigenschaften mit, die viele als echte Stärken erleben. Dazu können zum Beispiel Kreativität, Hyperfokus auf Themen, die wirklich interessieren, eine hohe Empathie oder eine ungewöhnliche Art, Probleme zu lösen, gehören. Wie stark sich das bei dir zeigt, ist – wie so vieles bei ADHS – individuell ganz unterschiedlich.

Mein Fazit, ganz vereinfacht

Mir raucht bei diesem Thema regelmäßig die Birne, aber ich versuche es trotzdem kurz zusammenzufassen:

ADHS ist eine Störung der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn. Es liegt ein Mangel beziehungsweise ein Ungleichgewicht vor. Daraus resultieren verschiedene Symptome, die sich bei jedem Menschen unterschiedlich stark und unterschiedlich zeigen können.

So würde ich es zusammenfassen – ganz vereinfacht, versteht sich.

Hast du noch Gedanken oder eigene Erfahrungen zu diesem Thema? Ich freue mich über deinen Kommentar.

Bis denndann.

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