

Viele Frauen mit einer späten ADHS-Diagnose haben diesen Satz schon gehört. Manche sogar mehrfach.
Für Außenstehende wirken sie organisiert, zuverlässig und freundlich. Sie erscheinen kompetent im Beruf, kümmern sich um Familie, Haushalt und Termine und scheinen ihren Alltag gut im Griff zu haben.
Doch hinter dieser Fassade steckt oft etwas, das viele Jahre unbemerkt bleibt: Masking.
Masking kann ein wichtiger Grund dafür sein, warum ADHS bei Frauen häufig erst spät erkannt wird.
Mit Masking ist gemeint, dass Menschen bewusst oder unbewusst versuchen, Schwierigkeiten zu verbergen und sich an die Erwartungen ihres Umfelds anzupassen.
Dabei geht es nicht darum, andere Menschen zu täuschen. Vielmehr entwickeln Betroffene Strategien, um möglichst nicht aufzufallen, dazuzugehören oder Kritik zu vermeiden.
Viele Frauen beginnen bereits in der Kindheit damit – oft, ohne zu wissen, dass sie es tun.
Masking kann sehr unterschiedlich aussehen. Manche Frauen kontrollieren Termine mehrfach, weil sie Angst haben, etwas zu vergessen. Andere erscheinen überpünktlich, weil sie ihrem eigenen Zeitgefühl nicht vertrauen. Wieder andere beobachten ihr Umfeld genau und übernehmen Verhaltensweisen, die bei anderen scheinbar gut funktionieren.
Typische Beispiele können sein:
Von außen wirken diese Verhaltensweisen oft positiv. Die dahinterliegende Anstrengung bleibt jedoch meist unsichtbar.
Es gibt darauf keine einfache Antwort. Viele Fachleute vermuten, dass gesellschaftliche Erwartungen eine wichtige Rolle spielen könnten.
Mädchen lernen oft früh, freundlich, angepasst, hilfsbereit und organisiert zu sein. Wer Schwierigkeiten hat, diesen Erwartungen zu entsprechen, versucht möglicherweise besonders intensiv, sie dennoch zu erfüllen.
Hinzu kommt, dass Mädchen mit ADHS häufig weniger auffallen als Jungen. Anstatt laut oder impulsiv zu wirken, kämpfen viele eher mit innerer Unruhe, Vergesslichkeit oder Überforderung. Diese Schwierigkeiten werden oft nicht als mögliche ADHS-Anzeichen erkannt.
Deshalb entwickeln manche Frauen Strategien, um ihre Herausforderungen möglichst gut zu verstecken.
Masking kann kurzfristig hilfreich sein. Es kann dabei unterstützen, den Alltag zu bewältigen oder unangenehme Situationen zu vermeiden.
Langfristig berichten viele Frauen jedoch von einem hohen Preis. Denn ständiges Anpassen kostet Energie. Sehr viel Energie.
Viele beschreiben:
Nach außen scheint alles zu funktionieren. Innerlich wächst oft der Druck.
Viele Diagnoseverfahren berücksichtigen nicht nur aktuelle Schwierigkeiten, sondern auch die Lebensgeschichte einer Person. Wenn Betroffene ihre Probleme jahrzehntelang erfolgreich versteckt haben, wird es komplizierter.
Manche Frauen hören deshalb Sätze wie:
„Sie haben doch Schule, Ausbildung oder Beruf geschafft."
„Sie wirken sehr organisiert."
„Sie kommen pünktlich zu Ihren Terminen."
Das stimmt häufig sogar. Was dabei jedoch leicht übersehen wird: wie viel Kraft dafür notwendig war.
Eine Frau kann äußerlich erfolgreich sein und gleichzeitig jeden Tag mit ADHS-bedingten Herausforderungen kämpfen. Beides schließt sich nicht aus.
Viele Frauen berichten nach ihrer Diagnose von einem besonderen Moment. Plötzlich erkennen sie, dass vieles, was sie für ihre Persönlichkeit gehalten haben, möglicherweise Strategien waren.
Die ständigen Listen. Die übertriebene Kontrolle. Der Perfektionismus. Die Angst, etwas zu vergessen.
Das bedeutet nicht, dass diese Eigenschaften „nicht echt" sind. Aber manche Frauen stellen fest, dass sie viele Verhaltensweisen entwickelt haben, um Schwierigkeiten auszugleichen, die lange unerkannt geblieben sind.
Nicht unbedingt. Manche Strategien sind hilfreich und erleichtern den Alltag. Eine To-do-Liste ist schließlich nicht automatisch etwas Schlechtes.
Die entscheidende Frage lautet eher: Hilft mir diese Strategie – oder belastet sie mich?
Wenn eine Gewohnheit ständig Stress verursacht, kann es sinnvoll sein, nach anderen Wegen zu suchen.
Viele Frauen berichten, dass sie nach ihrer Diagnose beginnen, freundlicher mit sich selbst umzugehen. Sie müssen nicht mehr ständig beweisen, dass sie alles im Griff haben. Sie dürfen Unterstützung annehmen. Sie dürfen Fehler machen. Und sie dürfen ihre Energie bewusster einsetzen.
Eine späte ADHS-Diagnose führt oft zu vielen Fragen.
Wer bin ich eigentlich? Welche Eigenschaften gehören wirklich zu mir? Welche Verhaltensweisen habe ich entwickelt, um dazuzugehören?
Auf diese Fragen gibt es keine schnellen Antworten. Und das ist völlig in Ordnung.
Viele Frauen beschreiben diesen Prozess als eine Art Neu-Kennenlernen der eigenen Person. Nicht alles muss sofort verstanden oder verändert werden. Manchmal reicht es zunächst, neugierig hinzuschauen.
Masking kann ein wichtiger Grund dafür sein, warum ADHS bei Frauen häufig lange unerkannt bleibt.
Viele Betroffene lernen früh, ihre Schwierigkeiten zu verbergen und sich an die Erwartungen ihres Umfelds anzupassen. Dadurch wirken sie oft organisiert, leistungsfähig und unauffällig, obwohl sie innerlich viel Energie für das tägliche Funktionieren aufbringen.
Masking ist keine Schwäche. Es ist häufig eine Strategie, die über viele Jahre geholfen hat.
Gleichzeitig kann es entlastend sein, zu erkennen, wie viel Kraft diese Anpassung kostet – und dass man nicht immer perfekt funktionieren muss, um wertvoll zu sein.
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