

Dieser Beitrag spiegelt meine persönlichen Erfahrungen und meine Meinung wider. Ich bin keine Psychiaterin oder Psychologin, nur Betroffene. Wenn du etwas Konstruktives dazu sagen möchtest, schreib mir gerne eine E-Mail an an@heike-siegmund.de oder hinterlasse einen Kommentar. Freundliche und konstruktive Kommentare sind immer willkommen.
„Kein Problem, ich mache das."
„Natürlich kann ich helfen."
„Ach, das passt schon."
„Mir ist egal, was wir machen."
Viele Frauen sagen solche Sätze beinahe automatisch. Manchmal so automatisch, dass sie gar nicht merken, dass sie eigentlich etwas ganz anderes möchten.
Während andere Menschen ihre Bedürfnisse klar äußern können, fällt es manchen Frauen mit ADHS schwer, Nein zu sagen, Grenzen zu setzen oder andere zu enttäuschen. Stattdessen kümmern sie sich um alle anderen. Und vergessen dabei oft sich selbst.
Dieses Verhalten wird häufig als People Pleasing bezeichnet. Gemeint ist damit das starke Bedürfnis, anderen zu gefallen, Konflikte zu vermeiden und möglichst niemanden zu enttäuschen.
People Pleasing ist keine offizielle Diagnose und auch kein ADHS-Symptom. Trotzdem erkennen sich viele Frauen mit ADHS darin wieder.
People Pleasing bedeutet mehr als bloße Freundlichkeit. Freundlichkeit entsteht aus einer freien Entscheidung. People Pleasing entsteht oft aus Angst.
Zum Beispiel aus der Angst, abgelehnt zu werden, Kritik zu bekommen, andere zu verletzen, egoistisch zu wirken, Konflikte auszulösen oder nicht gemocht zu werden.
Dadurch entsteht häufig ein Muster: Die Bedürfnisse anderer werden wichtiger als die eigenen.
Viele Frauen erkennen sich in Situationen wie diesen wieder:
Du sagst Ja, obwohl du Nein meinst
Du bist erschöpft. Du hast keine Zeit. Du möchtest eigentlich absagen. Und trotzdem sagst du zu. Nicht, weil du möchtest. Sondern weil du niemanden enttäuschen willst.
Du entschuldigst dich ständig
Manche Menschen entschuldigen sich sogar für Dinge, für die sie gar nichts können – für Rückfragen, für eigene Bedürfnisse, für Fehler, für ihre Gefühle, dafür, Platz einzunehmen.
Du vermeidest Konflikte
Manchmal wird geschwiegen, obwohl etwas verletzt hat. Manchmal wird zugestimmt, obwohl man anderer Meinung ist. Nicht, weil man keine Meinung hat. Sondern weil der Konflikt zu belastend erscheint.
Du kümmerst dich um alle
Viele Frauen wissen genau, wie es anderen geht. Sie helfen, organisieren, unterstützen, hören zu, denken mit, fühlen mit. Das Problem: Oft bleibt dabei kaum Energie für die eigenen Bedürfnisse übrig.
Es gibt darauf keine einfache Antwort. Vermutlich kommen mehrere Faktoren zusammen.
Die Erfahrung, oft „falsch" zu sein
Viele Frauen mit ADHS wachsen mit dem Gefühl auf, anders zu sein. Sie vergessen Dinge, sind unorganisiert, wirken zu emotional, reden zu viel oder zu wenig, sind zu laut oder zu still.
Schon früh hören viele: Reiß dich zusammen. Sei nicht so empfindlich. Gib dir mehr Mühe. Warum kannst du das nicht einfach?
Irgendwann entsteht daraus häufig die Überzeugung: Wenn ich gemocht werden will, muss ich besonders nett sein.
Viele Betroffene erleben Kritik oder Ablehnung besonders intensiv – darüber habe ich im Artikel über RSD bei ADHS ausführlicher geschrieben.
Wenn Ablehnung sich außergewöhnlich schmerzhaft anfühlt, wird Harmonie oft zur Sicherheitsstrategie. Dann entsteht leicht der Wunsch: Wenn ich es allen recht mache, kann mich niemand ablehnen. Leider funktioniert das meist nur kurzfristig.
People Pleasing überschneidet sich häufig mit Masking. Viele Frauen lernen früh, nicht anzuecken, sich anzupassen, Erwartungen zu erfüllen und Schwierigkeiten zu verstecken.
Das funktioniert oft erstaunlich gut. Von außen wirken sie hilfsbereit, zuverlässig und unkompliziert. Innerlich kann es jedoch sehr anstrengend werden.
Das eigentliche Problem beim People Pleasing ist oft nicht das Helfen. Helfen kann etwas Wunderschönes sein.
Problematisch wird es, wenn die eigenen Bedürfnisse dauerhaft hinten anstehen. Viele Frauen kennen Erschöpfung, Überforderung, Frust, stille Wut, Schuldgefühle und das Gefühl, ausgenutzt zu werden.
Und gleichzeitig fällt es ihnen schwer, etwas zu verändern.
Ein Thema, über das selten gesprochen wird: People Pleasing kann wütend machen. Nicht unbedingt auf andere Menschen. Oft auf sich selbst.
Viele Betroffene denken: Warum habe ich schon wieder Ja gesagt? Warum habe ich nichts gesagt? Warum mache immer ich alles?
Diese Wut ist verständlich. Denn irgendwo im Inneren weiß man oft längst, dass die eigenen Grenzen überschritten wurden.
Für viele Menschen klingt die Lösung einfach: „Dann sag doch einfach Nein." In der Praxis ist das oft deutlich schwieriger.
Denn ein Nein kann Gefühle auslösen wie Schuld, Angst, Unsicherheit oder Scham. Manche Menschen fühlen sich nach einem Nein tagelang schlecht – selbst dann, wenn sie völlig berechtigt abgesagt haben.
Grenzen setzen ist keine angeborene Fähigkeit. Es ist eine Kompetenz. Und Kompetenzen können geübt werden.
Oft beginnt es mit kleinen Schritten. Nicht mit einem großen Nein. Sondern mit einem kleinen.
Nicht sofort antworten
Viele Zusagen entstehen impulsiv. Deshalb kann ein einfacher Satz helfen: „Ich denke kurz darüber nach und melde mich später." Dadurch entsteht Raum für eine echte Entscheidung.
Die eigenen Bedürfnisse bewusst wahrnehmen
Viele Frauen wissen sofort, was andere brauchen. Schwieriger ist die Frage: Was brauche eigentlich ich? Diese Frage regelmäßig zu stellen, kann hilfreich sein.
Schuldgefühle nicht mit Fehlern verwechseln
Ein wichtiger Unterschied: Nur weil sich etwas falsch anfühlt, bedeutet das nicht automatisch, dass es falsch ist. Grenzen setzen kann ungewohnt sein. Das bedeutet nicht, dass es falsch ist.
Kleine Neins üben
Zum Beispiel: heute nicht, gerade nicht, diesmal nicht, ich brauche etwas Zeit für mich. Nicht jedes Nein muss lang erklärt werden.
Menschen beobachten, die gesunde Grenzen haben
Viele Betroffene stellen fest: Menschen mit klaren Grenzen werden oft trotzdem gemocht. Manchmal sogar gerade deshalb.
Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke dieses ganzen Artikels.
Viele Frauen haben unbewusst gelernt: Ich werde geliebt, wenn ich hilfreich bin. Ich werde akzeptiert, wenn ich funktioniere. Ich werde gemocht, wenn ich keine Umstände mache.
Doch der Wert eines Menschen hängt nicht davon ab, wie viel er für andere tut. Auch nicht davon, wie hilfsbereit, angepasst oder unkompliziert er ist.
Du musst dir deinen Platz nicht verdienen.
People Pleasing ist bei vielen Frauen mit ADHS eng mit ihren Lebenserfahrungen verbunden.
Jahrelange Anpassung, die Angst vor Kritik, RSD, Masking und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit können dazu beitragen, dass die Bedürfnisse anderer wichtiger werden als die eigenen.
Kurzfristig kann diese Strategie helfen, Konflikte zu vermeiden. Langfristig führt sie jedoch oft zu Erschöpfung, Überforderung und dem Gefühl, sich selbst zu verlieren.
Der Weg heraus beginnt meist nicht mit großen Veränderungen. Sondern mit einer kleinen Erkenntnis:
Die Bedürfnisse anderer Menschen sind wichtig. Die eigenen aber auch.
Und beides darf gleichzeitig wahr sein.
Bis denndann

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